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Schwergewicht-Star meint's ernstDeutscher Box-Gigant Agit Kabayel stürzt Oberhausen ins Chaos

11.01.2026, 06:16 Uhr
imageVon Tobias Nordmann und Martin Armbruster, Oberhausen
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Agit Kabayel machte kurzen Prozess mit Damian Knyba. (Foto: dpa)

Um den Kampf gegen Damian Knyba geht es nach dem Sieg von Agit Kabayel nicht mehr. Es gibt nur noch eine Frage: Kommt es zum Superkampf für den Deutschen? Der kennt nur eine Antwort.

Eigentlich wollte Agit Kabayel um kurz vor Mitternacht nur noch nach Hause. Zu seinen Eltern, zu seiner Frau, zu seinem kleinen Töchterchen. Doch zuvor musste er noch über ein einziges Thema reden. Will er, der Wattenscheider Junge, der Box-Held, nun endlich den Kampf der Giganten gegen den ukrainischen Schwergewichts-König Oleksandr Usyk?

Natürlich will er das. Er fühlt sich wieder einmal bereit. Wie schon häufiger. Wieder und wieder wird ihm in der Nacht zu Sonntag diese Frage gestellt, als ob er plötzlich sagen würde: "Ne Leute, war nur ein Späßken." Wieder und wieder gab Kabayel die gleiche Antwort: "Ja, ich bin ready." Er ist 33 Jahre alt und seinem Lebensziel so nah wie nie: Weltmeister werden - als erst zweiter deutscher Schwergewichtler nach Max Schmeling vor mehr als 95 Jahren.

In Oberhausen traf er auf den Polen Damian Knyba. Der Kampf gegen den Husaren wurde größer gemacht, als er letztlich war. Der bis dato ungeschlagene Hüne hatte sich als Zenturio inszeniert, wurde von zwei Rittern flankiert in den Ring begleitet. Es hagelte Pfiffe und Buhrufe. Bis auf seine kleine Entourage hatte der 29-Jährige keinen Fan in der Halle. Alle waren in die Arena gekommen, um ihren Local Hero Kabayel zu sehen, der gleich zwei Heimaten hinter sich bringen will: Kurdistan und Deutschland.

"... dann musst du den putzen"

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Coach Sükrü Aksu drückt Agit Kabayel ein Siegerküsschen auf die Stirn (Foto: IMAGO/Moritz Müller)

Und der "Leberking", für seine Haken zum Körper gefürchtet, brauchte nicht einmal drei Runden, um die Halle ins Chaos zu stürzen. Kabayel hatte Knyba so am Schlawittchen gepackt, dass der Richter im Ring den Fight vorzeitig abbrach. Kabayel hatte den Polen mit Kopf- und Körpertreffern heftig durchgeklingelt. Knyba wankte, die kochende Arena hatte hohes Fieber. Die Atmosphäre war gigantisch. Promoter George Warren wollte so etwas noch nie erlebt haben. Ein weiteres Druckargument zum Hinknallen auf den WBC, damit Kabayel endlich die Chance auf den Titel bekommt. Das war Ziel des Boxers wie des Promoters. Es ist gelungen.

Knyba musste in der dritten Runde einsehen, dass er gegen den Deutschen chancenlos war. Immer wieder hatte Kabayel Wege gefunden, die Distanzvorteile seines Gegners nichtig zu machen. Dass Knyba im Vorfeld groß gemacht worden war, konnte er nur in Ansätzen beweisen. Dass er die erste Runde gewann, lag an Kabayel, der mit der gigantischen Kulisse mächtig zu kämpfen hatte und einen Stotterstart hinlegte. In der Pause zur zweiten Runde ermahnte ihn sein Trainer Sükrü Aksu, dass es hier um Boxen auf Weltniveau gehe und Oberhausen kein Ort zum Staunen sei. Trotz Gasometer, Centro und dem altehrwürdigen Stadion Niederrhein.

"Der ist nicht unsere Liga. Wenn du Weltmeister werden willst, musst du den putzen", habe er seinem Schützling nach der ganz schwachen und völlig verkrampften Eröffnung eingetrichtert, berichtete der Trainerfuchs hinterher im Gespräch mit ntv.de/sport.de.

Kabayel gehorchte, fand schon in Runde zwei besser in den Kampf, ehe der Ruhrpott-Fighter in den Dampfwalzenmodus schaltete und die polnische Eiche zusammenstutze – und zwar vornehmlich mit Haken zum Schädel. Der Holzfäller, wie ihn Kabayels Manager Spencer Brown nennt, begann seine Mission dieses Mal in der Baumkrone.

Von den 13.000 Zuschauern eingeschüchtert

Die 13.000 Zuschauer, davon vermutlich mindestens zwei Drittel mit kurdischen Wurzeln, hatten Kabayel mehr eingeschüchtert als der polnische Koloss. Sie waren wahnsinnig laut, druck- und erwartungsvoll. In Runde drei prasselten dann die harten und präzisen Schlagkombinationen auf Kopf und Körper gnadenlos auf Knyba ein.

Der Polen verlor seinen Game Plan, den Fokus und den sicheren Stand, taumelte nach einer harten Rechten des Lokalhelden auf Spaghetti-Beinen durchs Seilquadrat. Um 22.42 Uhr war der Kampf beendet, wenngleich der Feierabend-Wink von Ringrichter Mark Lyson für den Geschmack vieler Beobachter zu früh kam. Kabayel war es egal. Von Coach Aksu gab's ein Küsschen auf die Stirn. Das war eine kürzere Schicht als gedacht. Sieben oder acht Runden werde er schon brauchen, hatten viele Experten vorhergesagt.

Der Wattenscheider hatte sich direkt in der ersten Runde einen Cut über dem rechten Auge zugezogen. Die ersten Szenen sahen nicht gut aus für ihn. "Ich habe in der ersten Runde nicht auf den Coach gehört", gab Kabayel zu. Knyba nutzte seine Reichweite clever aus und ließ seinen Gegner nur selten in den gefährlichen Infight kommen. Doch der Widerstand brach schnell. "Er kam danach zu uns in die Kabine und hat gesagt, Agit habe Hände aus Beton", berichtete Trainer Aksu von einem bemerkenswerten Tribut des stolzen "Husaren".

Der 33-jährige Kabayel verteidigte bei seinem ersten Auftritt in Deutschland nach drei Jahren den WM-Interimsgürtel des Verbandes WBC, den Status als "Zwischen-Weltmeister" und Pflichtherausforderer von Oleksandr Usyk. Er feierte seinen 27. Profisieg (19. durch K.o.). Danach brach Chaos aus. Die Menschen in der Arena drängten nach vorn, Richtung Ring. Und später Richtung Backstage-Bereich. Dort, am Ring, saß auch der Sohn des kurdischen Prime Minister, Areen Masrour Barzani, bestens beschützt. Die Ordnungskräfte versuchten, die leidenschaftliche, influencende Masse zu beherrschen. Es gelang eher leidlich. Es entstanden wilde, unübersichtliche Szenen.

Kabayel war da längst eine Runde weiter. Er war dabei, den mächtigen Funktionären unter die Nase zu schmieren, dass er der Mann ist, an dem es kein Vorbei mehr gibt, wenn es um den größten aller Kämpfe geht. "Ich bin so glücklich darüber. Wir haben ein Statement gesetzt, wir haben der Welt gezeigt, dass das deutsche Boxen lebt."

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Areen Masrour Barzani posierte mit Agit Kabayel im Ring. (Foto: IMAGO/Moritz Müller)

Und nun ab ins Fußballstadion

Das deutsche Boxen ist zurzeit er, auch wenn das in Teilen des Landes noch nicht angekommen ist. Der Kampf, den Kabayel führt, ist nicht nur einer gegen seine Gegner, einer um die WM-Chance. Es ist auch ein Kampf um Anerkennung. Deutschland müsse, so sagte er, endlich akzeptieren, dass auch ein Agit Kabayel, ein Mann mit kurdischen Wurzeln, der das Leid in seiner Heimat im Moment des Triumphs zum Thema machte und eindringlich an die Menschlichkeit appellierte, die die Bundesrepublik vertrete. Ein Box-Land, das immer noch den alten Helden nachhängt, die Henry Maske hießen, Sven Ottke, Axel Schulz, auch Dariusz Michalczewski oder Klitschko. Nicht aber Kabayel. Bis jetzt?

Sein Kampf als Protagonist einer neuen Erzählung führt entlang der großen gesellschaftlichen, migrantischen Konfliktlinie. Ob sich das ändert, wenn Kabayel tatsächlich den Mega-Fight gegen Usyk bekommt? Noch ist dieser Kampf in weiter Ferne, auch weil der Verband WBC bisher keinerlei Druck auf den ukrainischen Ausnahmekönner macht, sich Kabayel zu stellen. "Wer weiß, vielleicht ist Agit wirklich sein Kryptonit. Er ist der beste Body Puncher und Usyk mag es nicht zum Körper", verwies Manager Brown bei ntv.de und sport.de auf die vermeintliche (vielleicht einzige) Schwachstelle des Schwergewichts-Königs.

Usyk kämpft aber erst einmal im April oder Mai gegen den 40-jährigen US-Amerikaner Deontay Wilder. Möglich wäre dann ein Kampf gegen Kabayel zum Jahresende. Der könnte zuvor noch ein Duell mit Fabio Wardley aus England, seines Zeichens WBO-Champion, oder dem Kroaten Filip Hrgovic einlegen. Promoter Warren brachte bereits einen Sommerkampf in einem deutschen Fußballstadion ins Spiel.

Dabei kann es Kabayel nicht mehr erwarten, die größte Herausforderung im Boxen anzutreten. "Ich habe jetzt Knyba und zuvor drei Monster besiegt", sagte er in der Nacht in Oberhausen. Auf Empfehlung des großen Tyson Fury war er dreimal in Riad bei den gigantischen Shows des saudischen Box-Moguls Turki Al-Sheikh in den Ring gestiegen und hatte seine Gegner dreimal mit Hieben zur Leber ausgeknockt.

Ob er nicht auch gegen den gerade erst zum x-ten Mal aus der Box-Rente zurückgekehrten Fury kämpfen würde, fragte ihn ein Journalist. "Nein", sagte Kabayel. Gegen seinen Bruder, Freund, Mentor will er nicht in den Ring steigen. Es gibt nur ein Ziel: Usyk. "Gebt mir endlich diesen Kampf", forderte er. In Deutschland, in einer der großen Fußballarenen des Landes. Die neue Lohrheide in seiner Heimat Wattenscheid? Zu klein. Das etwas größere Ruhrstadion in Bochum? Zu klein. Kabayel will den größten Kampf auf der größten Bühne. Er traut sich alles zu. Niemand braucht ihn das mehr zu fragen.

Quelle: ntv.de

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